The Dark Knight System – ein Überblick

The Dark Knight System (TDKS) ist ein Eröffnungssystem für Schwarz, das darauf basiert, auf (nahezu) jeden weißen Eröffnungszug mit 1. … Sc6 zu antworten.

Am häufigsten sieht man den kecken Springerzug gegen 1.e4 (Nimzowitsch-Verteidigung), seltener gegen 1.d4 (hier zumeist als Überleitung zur Tschigorin-Verteidigung), noch seltener gegen 1.c4 und 1.Sf3.

Großmeister (oder gar Super-Großmeister) spielen TDKS allenfalls als seltene Überraschungswaffe. Warum das so ist, wissen natürlich nur Großmeister 🙂 . Dem normalsterblichen Schachspieler (der Engländer nennt ihn gerne club player, unabhängig davon, ob er überhaupt in einem Verein spielt) ist das System wärmstens zu empfehlen, insbesondere dem busy man (eine weitere englischsprachige Bezeichnung für denjenigen club player, dem Beruf und Familie vergleichsweise wenig Zeit für das Auswendiglernen von Eröffnungsvarianten lässt, was selbstredend auch für busy women gilt). Denn hier bestimmt Schwarz mit seinem allerersten Zug, wohin die Eröffnungs-Reise der Partie geht (sofern Weiß nicht etwas anderes als 1.e4 / d4 / c4 / Sf3 zieht).

Auf dieser Website werden in loser Folge Beiträge zum Dark Knight System veröffentlicht: Theoretische Überlegungen, eigene Partien, Literaturhinweise etc.

Ich selbst spiele 1. … Sc6 seit über 30 Jahren (früher over the board, als busy man jetzt nur noch online), und zwar sowohl mit großem Vergnügen als auch mit überdurchschnittlichem Erfolg. Was kann man von einem Eröffnungssystem mehr verlangen!

Hier noch ein Überblick über Spezialliteratur und DVD zum Thema:

The Dark Knight System gegen 1.e4 – ein Überblick

Mit 1. e4 Sc6 überdeckt Schwarz das Feld e5 (stoppt den weiteren Vormarsch des Bauern e4) und „bedroht“ das Feld d4. Das erscheint zunächst nicht weiter speaktulär (der Bauer e4 will ja noch gar nicht weiter vorziehen, und d4 ist von der weißen Dame ja ausreichend gedeckt). Anders als in anderen Eröffnungssystemen der „hypermodernen Schule“ beabsichtigt Schwarz jedoch umgehend das Zentrum mit Bauernzügen zu besetzen (nicht nur mit Figurenspiel).

Auch wenn der schwarze Springerzug gegen die weiße Königsbauerneröffnung heute nicht mehr als exotisch, sondern „nur“ noch als ungewöhnlich angesehen wird, bleibt es doch regelmäßig eine – unangenehme – Überraschung für den Anziehenen (insbesondere auf club player Level). Dies erklärt, warum die häufigste Antwort des Weißen in 2.Sf3 besteht. So hofft er nach 2. … e5 („was sonst?“ – die Antwort auf diese Frage folgt weiter unten) wieder in normale Eröffnungsgewässer überzuleiten. Da der Nachziehende ja durchaus diese Option hat, ist 2.Sf3 kein Widerlegungsversuch. Ein solcher ergibt sich nur mit 2.d4 . Daneben haben 2.Sc3 und 2.Lc4 noch Bedeutung, wogegen 2.f4?! prinzipiell als fragwürdig anzusehen ist.

2.Sf3

Hiermit gibt Weiß den Fehdehandschuh wieder zurück und zielt auf eine Zugumstellung (1.e4 Sc6 2.Sf3 e5) und Überleitung zu den offenen Spielen (Spanisch, Italienisch u. a.). Schwarz kann durchaus diese Überleitung wählen, denn dann läge der Sinn der Zugfolge immer noch darin, dass Weiß keine Chance hat, Königsgambit oder Wiener Partie oder sonstiges zu spielen (was die Vorbereitung des Nachziehenden entsprechend erleichtert).

Schwarz muss dieses Angebot aber nicht annehmen und hat gleich mehrere Möglichkeiten, die Anspannung bei seinem Gegner hochzuhalten.

2. Sf3 d6

Dies ist eine Fortsetzung für Freunde der Pirc-Verteidigung (1.e4 d6). Es entstehen Stellungen, in denen Schwarz nicht immer froh ist, sich den eigenen c-Bauern frühzeitig verstellt zu haben; andererseits sind alle scharfen Varianten mit frühzeitigem f2-f4 ebenfalls ausgeschlossen.

2. Sf3 d5

Dies ist eine hochinteressante Fortsetzung mit offensichtlicher Anlehnung an die skandinavische Verteidigung (1.e4 d5). Nach 3. exd5 Dxd5 4. Sc3 empfiehlt IM Andrew Martin auf seiner Chessbase-DVD 4. … Da5, wohingegen ich bessere Erfahrungen mit 4. … Dd6 gemacht habe. Es entwickeln sich meist Stellungen mit entgegengesetzter Rochade (Weiß kurz, Schwarz lang). Schwarz übt Druck auf einen auf d4 erscheinenden weißen Bauern aus, der aber zuweilen von Weiß durchaus für starkes Angriffsspiel geopfert werden kann. Dann „brennt die Hütte“.

2. Sf3 f5!?

Die hohe Kunst (oder der totale Irrsinn) im Dark Knight System: das Colorado-Gambit (ich nenne es Karneval-Gambit, da ich selber es als vermeintliche Neuerung auf einem feucht-fröhlichen Vereinsabend in der Karnevalszeit für mich entdeckte, nicht wissend dass der Zug bereits einen Namen in der Schachtheorie hatte).

Nach 3.exf5 d5 kann der Nachziehende sich in Ruhe einen Kaffee holen, denn Weiß wird jetzt erst einmal ordentlich Bedenkzeit investieren. In aller Regel wird er nicht am Mehrbauern festhalten (etwa mit Sh4), aber auch darauf muss Schwarz vorbereitet sein. Am gefährlichsten für Schwarz ist es, wenn Weiß „ruhig“ auf das schwache Feld e5 spielt (in Kombination mit Lb5).

2. d4

Diese naheliegende Fortsetzung ist der einzige ernsthafte Widerlegungsversuch für das Dark Knight System gegen 1.e4 . Das Bauernzentrum sieht ja auch eindrucksvoll aus, geradezu klassisch im Tarraschchen Sinne. Um so beruhigender, dass die weiße Hoffnung auf Widerlegung sich bislang noch nicht erfüllt hat.

Schwarz hat mit 2. … e5 und 2. … d5 zwei Alternativen zur Fortsetzung, wovon ich aber zunächst nur 2. … d5 als Hauptfortsetzung thematisiere. Hier hat Weiß wiederum drei sehr unterschiedliche Möglichkeiten: 3.exd5, 3.e5 und 3.Sc3 .

3. exd5 Dxd5

Hier kommt die skandinavische Verteidigungsidee im Dark Knight System voll zum Tragen. Auf Grund des Angriffs gegen d4 kann Weiß die schwarze Dame nicht sofort mit Sc3 angreifen, sondern muss zunächst d4 decken. Die nachhaltigste Deckung (c2-c3) wiederum lässt die Dame auf d5 zunächst unbehelligt und durchaus wirklungsvoll stehen. Im allgemeinen hat Schwarz in diesem Abspiel keine großen Probleme.

3. e5

Diese Stellung ist eine der häufigsten im Dark Knight System. Sie ähnelt der Vorstoßvariante im Französischen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5), allerdings mit zwei wesentlichen Unterschieden: Schwarz hat sich den c-Bauern verstellt (Nachteil), dafür ist der französische Problemläufer auf c8 noch unverstellt (Vorteil).

In der Diagrammstellung kann Schwarz mit f7-f6 direkt das weiße Bauernzentraum angreifen oder mit Lc8-f5 den Läufer entwickeln. Letzteres stellt zudem (insbesondere in Blitzpartien) eine kleine „Falle“: Das automatische (und gar nicht so selten) gespielte schnelle Ld3 kostet Weiß den Bauern d4 (und in aller Regel auch gleich den ganzen Punkt): 3.e5 Lf5 4.Ld3?? Sxd4 5.Lxf5 Sxf5.

Von solch plumpen Tricks abgesehen stützt Weiß meist sein Zentrum mit c3, baut sich mit Sf3 oder f4 / Sf3 nebst kurzer Rochade auf, während Schwarz mit f6 das weiße Bauernzentrum an der Spitze packt, lang rochiert und nicht selten (nach weißem f2-f4) seinen schwarzfeldrigen Läufer auf e4 platziert (als „Libero vor der Abwehrkette“).

3.Sc3

In „alten“ Theoriebüchern (aus der Vor-Engine- und Vor-Datenbank-Ära des Schachspiels) galt dieser Fortsetzung als ernsthafte Widerlegung des gesamten schwarzen Aufbaus. Dies sieht die moderne Theorie nicht mehr so – im Gegenteil, Bundestrainer GM Dorian Rogozenco empfiehlt als Antwort auf 1.e4 Sc6 nachdrücklich 2.Sf3 (statt 2.d4) und spricht damit allen Widerlegungsversuchen ihre Daseinsberechtigung ab.

Nichtsdestotrotz ist 3.Sc3 natürlich spielbar und gut für Weiß (wenn auch nicht besser als die Alternativen), und Schwarz muss wissen wie dem zu begegnen ist. Er hat hierbei drei Möglichkeiten:

3. Sc3 e6

Dies wird von IM Andrew Martin (auf der bereits genannten Chessbase-DVD) empfohlen. Mir gefällt dieser Übergang in eine französische Nebenvariante nicht sonderlich, und leider hält sich Martin mit einer Erklärung, warum ihm die folgenden geläufigeren Abspiele nicht behagen nicht weiter auf. Andererseits ist es natürlich gut zu wissen, dass man als Nachziehender auch diese Variante (und sei es nur zur Abwechslung oder Überraschung des Gegners) spielen kann.

3.Sc3 dxe4 4.d5 Se5

Hier sah die „alte“ Theorie Weiß klar im Vorteil. In der Tat können heftige Verwicklungen entstehen, die Schwarz aber nicht zu fürchten braucht. Bei korrektem Spiel halten sich Chancen und Risiken für beide Spieler die Waage. Wem dies zu „heiß“ ist, hat noch folgende Möglichkeit:

3.Sc3 dxe4 4.d5 Sb8(!)

Zugegeben, das Ausrufezeichen setze ich hier, um die „Frechheit“ des Nachziehenden zu würdigen, denn diese Zugfolge widerspricht allen vernünftigen klassischen Prinzipien der Eröffnungsbehandlung. Aber Prinzipien hin oder her, es ist spielbar: Nach Sxe4 greift Schwarz den Bauern d5 mit c6 und ggf. e6 an, es kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu raschem Damentausch und einer „Erschlaffung“ der Stellung mit raschem Übergang ins Endspiel. Hierbei kann Weiß nur auf geringen Stellungsvorteil hoffen, umgekehrt sind aber auch für Schwarz die Gewinnaussichten gering (man spricht hier dann gerne von einer ausgeprägten Remisbreite). Das gilt allerdings nur für Titelträger (GM Rainer Knaak hat für das Chessbase-Magazin diese Variante ausführlich analysiert), normalsterbliche club player haben (mit Weiß wie mit Schwarz) genügend Gelegenheiten Fehler zu machen. Der bessere Spieler wird hier gewinnen (der weiße Anzugsvorteil spielt aber keine Rolle mehr, und mehr kann man als Nachziehender von einer Eröffnung eigentlich nicht verlangen).

So bleibt festzuhalten: nach 3.Sc3 dxe4 4.d5 kann Schwarz mit 4. … Se5 auf Risiko (mit höheren Gewinnchancen wie Verlustrisiken) oder mit 4. … Sb8 auf Sicherheit/Ausgeglichenheit spielen.

2.Sc3

2.Sc3 ist (ebenso wie das folgende 2.Lc4) unangenehmer für Schwarz als man auf den ersten Blick vermutet. Weiß verzichtet auf jegliche Widerlegungsversuche und spielt gegen das von Schwarz zumeist beabsichtige d7-d5. Will Schwarz dies mit e7-e6 vorbereiten, ist der Läufer auf c8 eingesperrt. Also 2. … Sf6. Dann kann 3.Sf3 d5 4.e5 d4 5.exf6 dxc3 6.fxg7 cxd2+ nebst Damentausch und ausgeglichener Stellung folgen; oder 3.d4, wonach die Engines 3. … d6 4.d5 Sb8 empfehlen (das in der Praxis am häufigsten gespielte 3.d4 d5 4.e5 Se4 5.Sxe4 dxe4 6.Se2 gefällt mir nicht wirklich für Schwarz).

Womöglich gehört 2.Sc3 zu den wenigen Fortsetzungen, in denen Schwarz am besten tatsächlich mit 2. … e5 in klassische Gewässer wechselt (hier die Wiener Partie).

2.Lc4

Der Unterschied zu 2.Sc3 besteht zum einen darin, dass Schwarz hier immer mit dem Einschlag auf f7 rechnen muss, zum anderen darin, dass – wenn Schwarz den Zug d7-d5 nach Vorbereitung etwa mit Sf6 und e6 durchdrückt – der Läufer c4 direkt angegriffen wird.

Gegen die Einschlagdrohung auf f7 hilft frühzeitiges e7-e6, allerdings sperrt dies den Läufer auf c8 unangenehm ein. Wer den Engines vertraut, scheut eine Zugfolge wie 2.Lc4 Sf6 3.Sc3 Sxe4 4.Lxf7+ Kxf7 5.Sxe4 Kg8 nicht.

Die Engines sehen hier eine ausgeglichene Stellung, eher mit leichtem Vorteil für Schwarz (Engines sagen ja leider nicht warum sondern spucken einfach nur eine Wertungszahl aus, aber der positionelle Grund dürfte im Läuferpaar und der Bauernmehrheit im Zentrum liegen; die merkwürdige Königsstellung ist dagegen nicht von Dauer). Im praktischen Spiel scheint es aber doch Schwierigkeiten zu geben. In meiner Chessbase-Datenbank sind zwar nur 10 Partien verzeichnet, aber hier punktet Weiß mit 70%!

2.f4?!

Dies ist die für Schwarz harmloseste weiße Vorgehensweise (man muss allerdings als Anziehender nach 1.e4 Sc6 2.f4 d5 auch nicht gleich aufgeben, so geschehen in der Partie Van Hoorn – Pols in der niederländischen U16-Meisterschaft 2016 🙂 ). Es sind auch keine Vorteile gegenüber 2.d4 zu erkennen, so man denn ein Bauernzentrum bilden will; allenfalls die üblichen Nachteile, die der Vorstoß des f-Bauern mit sich bringt. Kurzum: Schwarz spielt d5 und braucht weder 3.e5 Lf5 noch 3.exd5 Dxd5 zu fürchten.